Die Entstehung des Dorf Neukirchen

Der Ort Neukirchen war in früheren Jahrhunderten vornehmlich durch Landwirtschaft und wenige Handwerksbetriebe geprägt. 1624 bestand einem alten Bericht zufolge Neukirchen aus 40 Höfen und Kathstellen.

Das Ortsbild von Neukirchen wird durch die evangelische Dorfkirche geprägt. Bereits 1230 wurde die Neukirchener Dorfkirche urkundlich erwähnt. Bis ins 16. Jahrhundert war sie Mutterkirche für Kapellen und Vluyn.

Prägnante Orte und Straßennamen

Bruchstraße
Bruch bedeutet Moor, Morast, Sumpf. Nach einem Bericht von Erich Rüsche im Kreis Moerser Jahrbuch 1974, in dem er über die “Toten-Särge-Lade-Gesellschaft” in Neukirchen berichtet, schreibt er u.a.: “1828 hatte die Gesellschaft 31 Mitglieder aus dem Dorf und noch 16 aus dem Bruch. Dorf und Bruch werden immer unterschieden. Alles was östlich der Häuserzeile an der heutigen Hochstraße lag, gehörte zum Bruch, einer Streusiedlung in dem feuchten, abfallenden Gelände mit viel Wiesen (geologisch: ein altes verlandetes Rheinbett), in welches die Bruchstraße hineinführt.”

Lindenstraße

Die Lindenstraße ist heute ein Teil des Straßenzuges, der nördlich des Schulzentrums die Ortsteile Neukirchen und Vluyn verbindet. Sie führt diesen Namen vom Zentrum Neukirchens (Dorfkirche) bis zur Einmündung der Boschheidestraße. Daran schließt sichnach Westen die Tersteegenstraße an. Die Lindenstraße hieß früher Krauhausstraße. Der Name ist im abgebildeten Plan durchgestrichen noch zu erkennen. Sie trug diesen Namen, weil sie zum Hof Krauhaus führte. Dieser Hof lag etwa gegenüber dem Vietenhof (heute Scheidt). Der Hof ist abgerissen und bildet das heutige Wohngebiet um die Händelstraße. Im Volksmund wurde das Teilstück der Lindenstraße vom Dorfmittelpunkt bis etwa zu dem rechts im Plan erkenntlichen Dreieck in früherer Zeit Kuhstraße genannt. Diese Namensgebung ist wohl darauf zurück zur führen, dass am Ausgang des Dorfes einige Kötter Anlieger waren, die noch Kühe hielten.

An der Lindenstraße standen damals keine Linden, deshalb fiel erst der Verdacht auf die Dorflinde, als Namensgeber gedient zu haben. Ein älterer Mitbürger Neukirchens erinnert sich aber noch, dass in dem bereits erwähnten Dreieck u.a. eine Linde stand. In alten Karten steht an dieser Stelle auch das Zeichen für einen Baum. Bei den Verkaufsverhandlungen dieser Fläche an die damalige Gemeinde soll danach der Name Lindenstraße vereinbart worden sein.

Im Zuge des Ausbaues der Linden- und der Tersteegenstraße, wurden einige Begradigungen vorgenommen und vom Grünflächenamt der Stadt in der Verlängerung dieser Straße nach Westen auch Linden gepflanzt. Der Namensgeber “Linde” (lat. Tilia) tritt in den nördlichen gemäßigten Zonen der Erde in etwa 20 Arten auf und ist hier in erster Linie als Sommer- und als Winterlinde bekannt. Das weiche Holz der Linde ist gut zum Schnitzen geeignet und wurde früher deshalb auch gern zur Herstellung von Holzschuhen (Klompen) benutzt.

”Lindenblütentee ist in der Heilkunde als Mittel für Schwitzkuren, zur Vorbeugung und Frühbehandlung von Erkältungskrankheiten und gegen trockenen Reizhusten wissenschaftlich anerkannt. In der Erfahrungsheilkunde werden die Lindenblüten auch bei Blasen- und Nierenleiden sowie zur Beruhigung bei nervösen Unruhezuständen verwendet.” Quelle: Das große Handbuch der Klosterheilkunde

Linde ist ein altgermanischer Name für einen Baum, dem mit seiner ausladenden Krone eine besondere Bedeutung zukam. Er diente oft als “Gerichtslinde” oder stand an Hofeinfahrten. (Lied: Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde ...)

Friedenseiche
Nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges 1870/71 wurden in vielen Orten des deutschen Landes Eichen gepflanzt, die mit dem Namen “Friedenseiche” die Freude über den Frieden zum Ausdruck bringen sollten. Gleichzeitig erinnerten sie aber auch an die Gründung des deutschen Kaiserreiches nach dem siegreichen Krieg. Heute gelten sie vor allem als Mahnung zum Frieden.

Auch die Mitglieder des Kriegervereins in Neukirchen wollten bei der Aktion nicht zurückstehen und pflanzten am 22. März 1872 (Kaisers Geburtstag) “zur Erinnerung an die glorreichen Erfolge der deutschen Armee in den Kriegsjahren 1870/71 auf dem an der Chaussee von Moers nach Vluyn in der Gemeinde Neukirchen in der Nähe des Averdonkschen Hauses Nr. 86½ gelegenen Platzes, welcher Eigentum des Contrahenten Peter Averdonk und seiner obengenannten Kinder ist, eine Eiche”, die den Namen Kaiser- oder Friedenseiche erhielt.

Die Rechte der Eiche, die im nächsten Jahr 140 Jahre an dieser Stelle steht, wurden 1880 durch einen Vertrag zwischen dem Kriegerverein und den Grundstückseigentümern besiegelt. Darin heißt es u.a.: “Peter Averdonk und seine Kinder gestatten nun dem erwähnten Kriegerverein 1) daß diese Eiche bis zu ihrem Absterben auf dem erwähnten Terrain, an welchem das Eigenthumsrecht nach wie vor dem Peter Averdonk und seinen Kindern oder deren Rechtsnachfolgern zusteht, stehen bleibt, 2) daß um die Eiche ein eisernes Gitter in einem Umfange von etwa 6½ m gesetzt, ein freier Weg von etwa 1 m Breite zu diesem Baum rund um das Gitter freigelassen werde; 3) daß die Eiche mit der Einfriedigung auch dann noch von dem jeweiligen Terrainbesitzer zu respektieren ist, wenn der Kriegerverein sich auflösen sollte. Weder Averdonk und seine Kinder noch deren Rechtsnachfolger sind berechtigt, die dem Kriegerverein in Beziehung auf die bezeichnete Eiche hier ohne jede Vergütung eingeräumten Befugnisse zu widerrufen. Der Werthgegenstand dieses Vertrages wird von den Contrahenten auf den Betrag von 50 Mark geschätzt.

Der Kriegerverein erklärt dagegen, daß er, falls die Eiche abgestorben, durch Blitz zertrümmert oder durch irgend einen anderen Umstand beschädigt und durch einen neuen Stamm ersetzt wird, die Reste oder Trümmer des alten Baumes dem jeweiligen Besitzer des Terrains unentgeltlich überläßt. So geschehen zu Neukirchen am 1. März 1880.” Zur 100-Jahr-Feier des Baumes am 22. März 1972 schrieb die NRZ: “Bei so viel Rechten eines Baumes, vertraglich auf eine ungewisse Zukunft abgesichert, kann die Eiche bei entsprechender Pflege noch mehrere hundert Jahre in Neukirchen wachsen.”

Das eiserne Gitter ist in den Jahren 1961/62 entfernt worden, als diese Kreuzung eine Lichtsignalanlage erhielt und der Platz für die Fußgängerüberwege benötigt wurde. Als vor wenigen Wochen der neueste Waldschadensbericht veröffentlicht wurde, kam darin zum Ausdruck, dass die Eichen derzeit am stärksten beeinträchtigt seien. Wünschen wir “unserer” Eiche, dass sie an diesem nicht gerade abgasarmen Standort noch viele Generationen nach uns ihrem Namen getreu zum Frieden mahnt.

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